ICANN-Meeting vom 4. bis 8. April 2005 in Mar del Plata, Argentinien
Bericht von Annette Mühlberg, neues europäisches Mitglied des At-Large Advisory Committee (ALAC), das für die Vertretung der Interessen der “end-user” in ICANN zuständig ist.
Mehrere hundert Menschen aus aller Welt haben sich im verregneten Mar del Plata eingefunden, um im ICANN-Forum zentrale Fragen der Organisation des Internets zu diskutieren. Im Zentrum der Debatte steht der „Strategic Plan“ von ICANN.
ICANN betont seine offene demokratische “bottom-up” Struktur und sein Bemühen, Entwicklungsländer in die Gestaltung des Internets zu integrieren. Dennoch finden alle Treffen ausschließlich in Englisch statt, es gibt keinerlei Übersetzung und selbst das Grundsatzpapier, der Strategic Plan, der über 70 Seiten lang ist, liegt nur in Englisch vor. Eine schlechte Ausgangsbasis für dieVerbesserung der Partizipation der nicht Englisch sprechenden Länder.
Gleich am ersten Tag durfte ich meine eigene Erfahrung in Sachen Transparenz und Demokratie machen – und kassierte einen Rausschmiss.
Als Neue bei ICANN ist es ja gar nicht so einfach, all die Multistakeholder- und Committee-Strukturen zu begreifen und die verschiedenen AkteurInnen kennenzulernen. So freute ich mich, dass mich unser ALAC-Liason-Mitglied, Brett Fausett, zur Sitzung der GNSO (Generic Names Supporting Organisation) einlud. Doch kaum dass ich Platz genommen hatte und Bret mich der Runde vorgestellt hatte, wurde mir von der Sitzungsleitung die Rote Karte des „closed“ Meeting gezeigt. Das führte zu einer teils recht lautstarken Diskussion darüber, ob ich gehen müsse oder bleiben dürfe. Schließlich wurde, in meiner Abwesenheit, abgestimmt: 7 : 6 für meine Teilnahme. Zu spät, doch der Disput hatte das Gute, dass man sich schließlich der Satzung erinnerte und zu einer grundsätzlichen Klärung der Sitzungsregeln kam: „alle Treffen sind grundsätzlich offen, außer, dass auf Wunsch eines Committee-Mitglieds eine Abstimmung herbeigeführt wird, die mit einem Mehrheitsvotum die Sitzung für geschlossen erklärt“.
Unser Job von ALAC, dem At-Large Advisory Committee, ist es, ICANN insbesondere unter dem Gesichtspunkt der Interessen der “end-user” zu beraten. Doch was sind “End-User”? Am besten lässt sich unsere Aufgabe wohl so übersetzen, dass wir die Verbraucher- und Bürgerrechte bei der Gestaltung der Internetbasisstruktur vertreten.
Im Laufe des ICANN-Meetings haben wir als ALAC drei Stellungnahmen eingebracht (die dem Bericht als Anhang beigefügt sind):
1. zum vorgelegten Entwurf des Strategic Plan von ICANN
2.zu Whois
3. zur Betreiberfrage des dot net:
(Die Vergabe des dot net Betriebs an Verisign ist unter sehr fragwürdigen Bedingungen entstanden. Alle fünf Bewerber sind praktisch als gleich gut eingestuft worden, und Verisign, das unter vielen technischen und Servicegesichtspunkten schlechter als seine Mitbewerber dasteht hat den Zuschlag bekommen. Hier setzt ALAC sich dafür ein, im Falle eines solch knappen Ergebnisses die Nutzerinteressen stärker ins Zentrum der Bewertung zu stellen.)
Am letzten Tag fand das Meeting des ICANN-Boards statt, wo zwei neue Top Level Domains (TLD) beschlossen wurden: .jobs und .travel. Wann und zu welchen Bedingungen sie gelauncht werden, ist der Öffentlichkeit noch nicht mitgeteilt worden. Doch die Aussichten dazu, wer eine Website unter diesen Top Level Domains registrieren lassen kann, sind erschütternd.
Unter .travel sind ausschließlich Reise- und Touristikunternehmen eingeplant, Reisende, Literaten, und Reisejournalisten sollen keine Chance auf diese Domain bekommen.
Unter .jobs, man höre und staune, sollen nur diejenigen eine Website registrieren dürfen, die Human Resource Management betreiben, entweder als Unternehmen oder in einem solchen. Das ist unglaublich. Es handelt sich um eine sogenannte „sponsored Top Level Domain“ (sTDL), die von den amerikanischen Organisationen Employ Media LLC und der Society for Human Resource Management (SHRM) betrieben werden soll. Letztere hat auch das kleine Sonderrecht erworben, dass alle ihre Mitglieder automatisch ein Registrationsrecht für die neue Domain eingeräumt bekommen. Emma- und Otto Normalarbeitsloser hingegen, dürfen diese Seiten nur aufsuchen, sich selbst aber nicht einbringen. Sie sollen auch keine weitergehenden Informationen zu Arbeitsmarkt und Sozialgefüge erhalten, sondern schlicht das bekommen, was sie ohnehin schon haben: statt sony.com/SCA/job nun also sony.jobs.
Alter Wein in neuen Schläuchen – zu einem hohen kulturellen Preis. Der Gebrauch der internationalen Kommunikationsplattform „Jobs“ soll auf den Blick von Headhuntern verengt werden. Weltweit verbinden Menschen mit „Jobs“ jedoch die gesamten Fragen der Arbeitswelt: Arbeit und Arbeitslosigkeit, Arbeitsbedingungen, nationales und internationales Arbeitsrecht, Mitbestimmung, regionale Bedingungen der Arbeitsmärkte, Einkommensvergleiche, Bildung und Erziehung. Das gesamte Spektrum von Leben und Gesellschaft auf der Basis von Arbeit bleibt aber außen vor. Personalabteilungen sollen die Interessen der Jobsuchenden mitvertreten - ein wahrlich neuer Ansatz, der geknackt werden sollte, ehe es gänzlich zu spät ist.
Macht Druck, bewerbt Euch z.B. als Registranten von .jobs. Wenn Ihr abgelehnt werden solltet, bloggt darüber!
